Verzweifelte Frau am Tisch voller Briefe, die auch um sie herum durch die Luft fliegen. Am Rand steht Kulturschocks und ein lachender Emoji

Zurück zur Briefpost

Kulturschocks in Deutschland (Teil 1)

Oft erleben Menschen Überraschungen, wenn sie in ein anderes Land oder gar einen anderen Kontinent umziehen. Von solchen Kulturschocks möchte ich in dieser Beitragsreihe berichten, gerne auch mit Erfahrungen aus der Little-World-Community. 

Zum Anfang geht es um das Thema Briefpost. Nickst du jetzt schon wissend oder fragst du dich eher, was daran denn so ungewöhnlich ist? Ich hatte damit jedenfalls ein paar „Hää?“-Momente, genau wie andere Community-Mitglieder auch.

Ein Code kommt per Post

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich einmal bei einer App anmelden wollte, um etwas schnell zu erledigen. Nachdem ich meine Daten eingegeben hatte, erschien die Nachricht: “Sie bekommen den Bestätigungscode in zwei bis drei Arbeitstagen per Post.” Was? Einen solchen Code hätte ich per E-Mail oder per SMS erwartet. Auf keinen Fall per Post. Da war mir klar: Mit “schnell erledigen” wird das nichts. Mir blieb nur noch, zu warten und mich in Geduld zu üben. Einatmen, ausatmen.

In Russland hatte ich schon seit Jahren überhaupt nicht mehr in meinen Briefkasten geschaut. Auch Olena aus der Ukraine wunderte sich: „In der Ukraine habe ich nie so viele Briefe bekommen”. Jinok aus Korea war ebenfalls überrascht, dass so viele Passwörter und Zugangscodes per Post kommen. Außerdem fragt sie sich, wie das eigentlich zum deutschen Umweltbewusstsein passt. “Ob das nicht viel Papier und Druckmaterial verbraucht?”

Namen an Briefkästen und Klingelschildern

Eine weitere Überraschung war für mich, wie Briefe adressiert werden: An Briefkästen und auf Klingelschildern stehen hier ganz selbstverständlich die Namen. Und ich dachte, die Deutschen legen so viel Wert auf Datenschutz. In Russland sind stattdessen Wohnungsnummern üblich. Zur vollständigen Adresse gehören dort also sowohl die Hausnummer als auch die Wohnungsnummer. 

Was ich anfangs ebenfalls nicht wusste: Ich musste meinen Namen und den meines Mannes separat am Briefkasten angeben. Das habe ich gelernt, als einmal meine Fahrkarte für den öffentlichen Nahverkehr nicht ankam. Angeblich lag es daran, dass an unserem Briefkasten nur “Vasilev” stand, während ich “Vasileva” heiße. Im Russischen hängt man bei den meisten Nachnamen ein “a” an, um die weibliche Form zu bilden. Beide Formen gelten als derselbe Nachname. Für uns ist es deshalb selbstverständlich, dass Vasilev und Vasileva als Namen derselben Familie verstanden werden. Vielleicht wäre hier eine Wohnungsnummer doch praktischer gewesen?

Alles selbstverständlich?

Wie wichtig die klassische Briefpost in Deutschland ist, zeigte mir die Erfahrung meiner Freunde. Sie waren aus Estland nach Deutschland gezogen und hatten ihr Kind hier an einer Schule angemeldet. 

Während sie auf den Aufnahmebescheid warteten, zogen sie in eine andere Wohnung. Dabei hätten sie den Bescheid beinahe verpasst. Denn sie hatten keine Sekunde daran gedacht, der Schule ihre neue Adresse mitzuteilen oder einen Nachsendeauftrag einzurichten. Dass es so etwas überhaupt gibt, wussten sie gar nicht. In Estland, wo sie vorher gewohnt hatten, lief das ja alles ganz selbstverständlich digital. Also erwarteten sie den Bescheid per E-Mail. Stattdessen ging er an die alte Postadresse… 

Die Mitarbeiter im Schulsekretariat konnten wiederum überhaupt nicht verstehen, dass man an so etwas gar nicht denken könnte. Es sei doch gesunder Menschenverstand, allen relevanten Stellen die neue Adresse mitzuteilen. Glücklicherweise hatte dieses Missverständnis keine Auswirkungen auf die Aufnahme, und das Kind wurde diesen September eingeschult. 

Wenn digital etwas untergeht

Ich bin Team Digital, aber bei der Menge an E-Mails, die man heutzutage bekommt, verliert man leicht den Überblick. Deshalb wären mein Sohn und ich fast aus der Familienversicherung rausgeflogen. 

Die Versicherung schickt meinem Mann als Hauptversichertem regelmäßig einen Fragebogen, um zu prüfen, ob die Voraussetzungen für unsere Familienversicherung weiterhin erfüllt sind. Er hatte zwar eingerichtet, dass er auf digitalem Weg benachrichtigt wird, die entsprechende E-Mail hatte er aber übersehen. Was machte die Versicherung also? Sie meldete sich natürlich mit einer Mahnung per Briefpost. 

Die Sache war dann glücklicherweise schnell geklärt. Seitdem hat er den digitalen Schriftverkehr in der App deaktiviert, damit alles im Briefkasten landet und er nichts mehr verpasst. 

Übernehmen oder Nachsicht üben?

Aus all dem habe ich gelernt: Was für die Einheimischen eine offensichtliche Regel ist, ist für Neuankömmlinge oft zunächst unsichtbar. Inzwischen kontrolliere ich regelmäßig nicht nur meine E-Mails, sondern auch meinen Briefkasten. Was mir anfangs wie ein Relikt aus einer anderen Zeit vorkam, hat sich als durchaus nützlich erwiesen. 

Dasselbe Fazit hat Ceyda aus der Türkei gezogen: „Was mich in Deutschland wirklich überrascht hat, war, dass wir so viele Briefe bekommen haben. In der Türkei hatte ich nie die Angewohnheit, meinen Briefkasten zu kontrollieren, aber hier schaue ich jetzt regelmäßig hinein.“

Welche Kulturschocks habt ihr erlebt?

Gern nehmen wir eure Erfahrungen in den kommenden Beiträgen auf.

Wovon wart ihr in Deutschland überrascht? Woran musstet ihr euch erst gewöhnen? Vielleicht an die Mülltrennung? Oder an die Zeiten, zu denen man hier einkaufen kann? Was noch?

Erzählt es uns in einer E-Mail an kulturschock@little-world.com. Wir freuen uns auf eure Geschichten!

Dieser Beitrag zum Thema , wurde geschrieben von
Liubov
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